Motorrad/ Psychologie/ Gehirn

Wed, 22 Mar. 2017 by Thomas Bendler, approximately 5 min to read.

Ein wesentliches Element der Psychologie ist die Hardware, also das Gehirn. Um den Aufbau des Gehirns zu verstehen, muss man ein wenig in der Evolutionsgeschichte graben wobei ich hier bewusst auf den ganzen Teil verzichte, der sich vor dem Menschen ereignet hat. Das war allerdings durchaus schon sehr viel. Wenn man die Geschichte der Erde mit den Phasen eines Jahres vergleicht so betritt der Mensch erst Sylvester und auch da erst gegen Abend die Bühne der Erdgeschichte. Die sechstausend Jahre der Menschheitsgeschichte, über die wir uns in weiten Teilen definieren und die einen Großteil der Geschichtsbücher füllt begann sogar erst um 23:58h und 30 Sekunden, wenn wir bei dem Vergleich mit dem Jahr bleiben. Ein für uns nicht ganz uninteressantes Ereignis fand aber schon vor ca. einer halben Milliarde Jahren statt, dort “erfand” die Natur die Neuronen, die kleinen Dinger, auf denen unser Gehirn basiert.

Kommen wir also zum Gehirn zurück, ein wenig vereinfacht gesprochen besteht unser Gehirn aus vier Teilen. Diese Aufteilung entstand in erster Linie dadurch, dass das Gehirn des Menschen “viel zu schnell” gewachsen ist. Während über viele Millionen Jahre z.B. aus Flossen Beine oder Arme wurden, Organe größer oder kleiner wurden explodierte die Entwicklung des Gehirns in den letzten 2 Millionen Jahren buchstäblich. In dieser Zeit ist das Gehirn auf ungefähr das dreifache Volumen angewachsen (vgl. mit heute lebenden Schimpansen die ungefähr ähnliche Gehirn Volumina wie unsere Vorfahren hatten). Statt also das Gehirn sukzessive weiter zu entwickeln war die Natur durch eine weitere Entwicklung gezwungen sich eine andere Strategie auszudenken. Bei dieser Entwicklung geht es um den aufrechten Gang. Dies führte dazu, dass sich die Anatomie der Frau geändert hat, das Becken wurde schmaler und durch Beckenknochen begrenzt. Schon heute ist die Geburt ein recht schmerzhafter Akt, wäre das Gehirn des Menschen bereits vollständig ausgeprägt aber vermutlich in erster Linie tödlich. Das führt dazu das wir nach der Geburt nicht sonderlich viel können, bei guter Pflege aber wachsen und jede Menge Fähigkeiten hinzugewinnen. Das gilt auch speziell für das Gehirn, das nach der Geburt weiterwächst und das nicht zu knapp. Dies führte schlussendlich zu der eingangs erwähnter Vierteilung des Gehirns. Die Natur hat den Hirnstamm mehr oder minder gelassen wie er ist und erstmal zwei zusätzliche Teile angebaut, das Klein- und Zwischenhirn. Oben drauf hat die Natur dann das Großhirn gesetzt, der Teil, der dem Menschen das bewusste Denken ermöglicht. Ob er das bewusste Denken dann auch in der Praxis anwendet ist allerdings eine ganz andere Geschichte.

Der Hirnstamm und das Kleinhirn

Am Anfang der Reise, die so vor gut 300 Millionen Jahren startete, stand also der Hirnstamm. Er entwickelte sich direkt aus dem Rückenmark und steuert die überlebenswichtigen Systeme, z.B. Herz, Atmung und Reflexe. Der Hirnstamm wurde dann um das Kleinhirn ergänzt, dass für die Planung, Feinabstimmung und Koordination von Bewegungen zuständig ist. Diese Kombination gilt nicht unbedingt als die hellste Kerze auf der Torte, würde man sagen die Kombination ist strunz dumm lege man gar nicht so sehr daneben. Zumindest gilt das für den Hirnstamm, aktuelle wird die These in der Wissenschaft diskutiert, dass das Kleinhirn auch eine Rolle bei kognitiven Prozessen spielt was allerdings noch nicht abschließend bewiesen ist. Nichtsdestotrotz, und deswegen durchaus wichtig für das Motorrad fahren, die Kombination aus Hirnstamm und Kleinhirn ist unglaublich schnell. So ist das Ziel des Lernens von neuen Handlungsprogrammen das diese irgendwann im Hirnstamm/ Kleinhirn landen und dort schnell und was noch wichtiger ist, parallel ausgeführt werden können (das ist ganz hilfreich, wenn man eine Kurve anbremst und dabei noch kuppeln und herunterschalten muss). Der Nachteil wiederum ist, Handlungsprogramme, die sich in diesem Bereich befinden sind nicht wirklich flexibel und auch nicht bewusst in der Ausführung. Wie man trotzdem den Hirnstamm und das Kleinhirn effizient nutzen kann erkläre ich im Kapitel “Psychologie-Lernen”.

Das Zwischenhirn

Das Zwischenhirn hat mehrere unterschiedliche Aufgaben und ist, vom Aufbau hergesehen, auch nochmal in mehrere Teile untergliedert. Das soll aber hier nicht näher thematisiert werden. In erster Linie finden sich hier die Themen die für das Überleben des Menschen an sich wichtig sind, von dem Fortpflanzungstrieb über den Durst/ Hunger Instinkt hin zu dem Schlafbedürfnis. Außerdem landen dort Riech-, Seh- und Höhrbahnen, Oberflächen- und Tiefensensibiltät sowie emotionale Empfindungen. Der interessanteste Teil des Zwischenhirns ist der Thalamus. Der Thalamus ist der Vermittler sensorischer und motorischer Signale vom und zum Großhirn. Ohne den Thalamus würde das Großhirn nichts wahrnehmen können und auch nichts steuern können und speziell die Wahrnehmung ist ein wichtiger Teil des Motorradfahrens.

Das Großhirn

Als letzte Evolutionsstufe kam das Großhirn ins Spiel. In diesem Bereich finden unsere bewussten Handlungen statt. Hier können wir die Handlungen reflektieren und bei Bedarf korrigieren, es ist quasi der intelligente Teil des Gehirns. Das Großhirn hat allerdings auch einen gravierenden Nachteil, es ist langsam. Während im Hirnstamm und Kleinhirn parallele Handlungsprogramme ablaufen können ist das Großhirn im Wesentlichen auf die Ausführung von einem Handlungsprogramm zur selben Zeit beschränkt. In der Konsequenz bedeutet das, da beim Motorrad fahren viele Aktivitäten parallel passieren, müssen diese Handlungsprogramme in das Stammhirn überführt werden ansonsten ist die Hardware mit den vielen Aktivitäten überfordert.

Pro-Tipp: Wer sich detaillierter und fachlich sicherlich deutlich fundierter über das Gehirn und wie es funktioniert informieren möchte, dem seien die Werke von Bernt Spiegel und Hans Eberspächer empfohlen. Die dazugehörigen Links finden sich in dem Kapitel “Meta-Quellen”.


Share on: