Mon, 15 Jan. 2024 Thomas Bendler ~ 4 min to read

Niemand fährt auf der Rennstrecke mit dem Wunsch zu stürzen. Aber wer regelmäßig am Limit fährt, wird früher oder später Bekanntschaft mit dem Asphalt machen. Das ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Deshalb ist es entscheidend, die richtigen Automatismen zu kennen.

Bevor es passiert: Richtig vorbereitet sein

Die beste Sturzvorbereitung beginnt schon im Fahrerlager:

  • Schutzausrüstung:
    • Ein Lederkombi (bevorzugt Känguru- oder dickes Rindsleder) mit CE-zertifizierten Protektoren ist Standard.
    • Airbag-Systeme sind mittlerweile das Sicherheits-Level 1. Sie schützen Schlüsselbeine und den Oberkörper deutlich besser als reine Schaumstoff-Protektoren.
    • Helm: Ein ECE-zertifizierter Integralhelm. Wichtig: Nach einem Sturz, bei dem der Kopf hart aufgeschlagen ist, muss der Helm ersetzt werden – auch wenn er äußerlich intakt scheint.
  • Motorrad-Vorbereitung: Sturzpads und Rennverkleidungen schützen die Technik. Essentiell: Eine Kettenfinne an der Schwinge (verhindert das Einklemmen von Gliedmaßen zwischen Kette und Kettenrad).
  • Mentalität: Akzeptiert das Risiko. Wer verkrampft aus Angst vor dem Sturz fährt, macht genau die Fehler, die zum Highsider führen.

Pro-Tipp: Fahrt die ersten Runden jedes Trackdays defensiv. Lernt die Strecke, das Grip-Niveau und die anderen Fahrer kennen, bevor ihr ans Limit geht. Die meisten Stürze passieren, wenn man zu früh zu schnell fährt. Und ganz wichtig, die Schutzausrüstung kann den Unterschied machen zwischen einem blauen Fleck und einem Krankenhausaufenthalt.

Während des Sturzes: Was tun?

  • Loslassen: Sobald der Sturz unvermeidlich ist: Hände weg vom Lenker! Wer sich festkrallt, wird vom Motorrad mitgerissen oder darunter eingeklemmt.
  • Rutschen, nicht Rollen: Versuche, flach auf dem Rücken oder Gesäß zu rutschen. Vermeide es, dich mit den Händen abzustützen, solange du noch hohe Geschwindigkeit hast. Rollen ist gefährlich, da hier enorme Hebelkräfte auf die Gliedmaßen wirken.
  • Körperspannung: Arme und Beine eng an den Körper ziehen (wie ein Paket), um ein Einhaken und anschließendes Purzeln zu verhindern.

Nach dem Sturz: Die goldene Regel der Sicherheit

Sobald du zum Stillstand kommst, gilt eine strikte Prioritätenliste:

  1. Selbstschutz geht vor: Wenn du nicht schwer verletzt bist, bringe dich sofort hinter die nächste Leitplanke oder in die Safe-Zone. Bleibe niemals auf der Strecke stehen.
  2. Motorrad liegen lassen: Versuche niemals, dein Motorrad selbst aufzuheben, während die Session noch läuft. Das übernehmen die Marshals.
  3. Anweisungen befolgen: Achte auf die Flaggen und die Signale der Streckenposten.

Medizinische und rechtliche Aspekte

  • Adrenalin lügt: Man spürt Brüche oder innere Verletzungen oft erst verzögert. Geh sicherheitshalber zum Medical Center.
  • Versicherungsschutz: Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahlt in der Regel die Heilbehandlung. Aber: Private Unfallversicherungen schließen Unfälle bei “Erzielung von Höchstgeschwindigkeiten” oft aus. Prüfe deine Police vorab oder buche ein Event das anders gelabelt ist.

Die Psychologie nach dem Sturz

Ein Sturz kann einen psychisch oft viel mehr mitnehmen als physisch. Viele kämpfen anschließend mit der Angst, wieder auf die Strecke bzw. ans Limit zu gehen. Das ist völlig normal.

  • Analyse: Was ist passiert? Warum ist es passiert? Eine ehrliche Analyse hilft, aus dem Fehler zu lernen und zu verhindern, dass es wieder passiert.
  • Langsam wieder anfangen: Beim nächsten Mal langsamer anfangen. Sich wieder herantasten. Niemand erwartet, dass du sofort wieder am Limit fährst.
  • Darüber reden: Mit anderen Fahrern reden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Fast jeder hat schon mal gelegen. Es hilft zu wissen, dass man nicht alleine ist.
  • Professionelle Hilfe: Wenn die Angst übermächtig wird oder der Spaß am Fahren verloren geht, scheut euch nicht, professionelle Hilfe zu suchen. Das ist keine Schwäche.

Pro-Tipp: Nach einem Sturz ohne Verletzungen solltet ihr noch am selben Tag wieder fahren, wenn das Motorrad es zulässt. Je länger ihr wartet, desto größer wird die mentale Hürde.

Siehe auch:

  • Regeln – Die Regeln auf der Rennstrecke
  • Flaggen – Was die Flaggen bedeuten
  • Schräglage – Die Angst vor der Schräglage überwinden