Mon, 15 Jan. 2024 Thomas Bendler ~ 3 min to read

Sicher Überholen auf der Rennstrecke: Strategie und Etikette Das Überholen auf der Rennstrecke ist eine Kunst für sich und unterscheidet sich fundamental vom Straßenverkehr. Während man auf der Straße auf eine Lücke im Gegenverkehr wartet, ist auf dem Track Strategie, Geduld und gegenseitiger Respekt gefragt.

Grundregeln beim Überholen

1. Die Verantwortung liegt beim Überholenden

Dies ist das wichtigste Gesetz: Wer überholt, ist für die Sicherheit des Manövers verantwortlich. Der Vorausfahrende hat das „Recht auf seine Linie“. Er muss nicht in den Spiegel schauen oder aktiv Platz machen.

2. Berechenbarkeit ist Sicherheit

Die sicherste Art, überholt zu werden, ist, stur die Ideallinie beizubehalten. Wer versucht, „nett“ zu sein und plötzlich von der Linie wegfährt, um Platz zu machen, kreuzt oft genau den Weg, den der schnellere Fahrer bereits als Überholspur eingeplant hat.

3. Kein Körperkontakt

Bei Trackdays gilt die Devise: “Keep it safe”. Anders als im Profi-Rennsport fahren wir hier für den Spaß und wollen unsere Motorräder am Abend heil verladen. Ein sauberes Manöver ist eines, bei dem der Überholte weder erschrickt noch seine Linie korrigieren muss.

Strategie zum Überholen

Ein guter Überholvorgang wird vorbereitet:

  • Beobachten: Wo ist der Vorausfahrende langsamer? Bremst er früher? Hat er eine unsaubere Linie am Kurvenausgang?
  • Der “Drive” am Kurvenausgang: Die sicherste Methode. Man lässt sich in der Kurve ein wenig zurückfallen, um früher ans Gas gehen zu können (“Corner Speed”). Mit dem Geschwindigkeitsüberschuss zieht man auf der folgenden Geraden sicher vorbei.
  • Überholen beim Anbremsen: In fortgeschrittenen Gruppen üblich. Man setzt sich vor dem Einlenkpunkt deutlich neben den anderen Fahrer, damit man im Sichtbereich (Peripherie) auftaucht. Wer erst „rein sticht“, wenn der andere bereits in Schräglage ist, provoziert eine Kollision.

Wo man nicht überholen sollte

  • In der Kurvenmitte: Hier gibt es meist nur eine Ideallinie. Ein Überholversuch zwingt beide Fahrer auf gefährliche Radien.
  • Blinde Kuppen und Wechselkurven: Wo man den weiteren Streckenverlauf nicht sieht, bleibt man dahinter.
  • Bei Gelber Flagge: Absolutes Überholverbot! Wer bei Gelb überholt, riskiert den Ausschluss vom Event.

Richtig überholt werden

Wenn du merkst, dass ein schnellerer Fahrer hinter dir ist:

  1. Keine Panik: Fahr genau so weiter wie bisher.
  2. Nicht nach hinten schauen: Das lenkt dich ab und führt dazu, dass du deine Linie verlässt.
  3. Kein abruptes Gaswegnehmen: Bleib am Gas, bis der Überholvorgang auf der Geraden eingeleitet ist.

Wichtig zum Thema Handzeichen: Das Heben der Hand oder das Ausstrecken des Beines signalisiert auf der Rennstrecke in der Regel: „Ich habe ein Problem“ oder „Ich fahre jetzt in die Boxengasse“. Nutze es nicht, um jemanden vorbei zuwinken, da dies den Hintermann irritieren kann.

Trackday vs. Rennen

Ein Trackday ist kein Rennen. Es gibt keine Pokale zu gewinnen, aber viel zu verlieren.

  • Im Rennen: Man nutzt jede Lücke („If you no longer go for a gap…“).
  • Beim Trackday: Wenn eine Lücke nur 50/50 sicher ist, wartet man auf die nächste Gerade. Der Respekt vor der Gesundheit und dem Material der anderen Teilnehmer steht an oberster Stelle.

Pro-Tipp: Wenn du dich von einer Gruppe schnellerer Fahrer bedrängt fühlst, fahre einmal durch die Boxengasse („In-and-Out“). So hast du danach wieder freie Fahrt und kannst dich auf deine eigene Technik konzentrieren.